San Francisco lockt

Gestern habe ich Berkeley ein bisschen erkundet und hatte anschließend gemischte Gefühle. Einerseits hat es sehr schöne Ecken, ein sehr lebendiges Straßenbild und einen eindeutig europäischen Touch (wie übrigens auch San Francisco). Es gibt Gegenden mit sehr viel Grün und farbenprächtigen Blumen, tollen Lebensmittelgeschäften und Restaurants der verschiedensten Landesküchen (ein Viertel mit besonders großer Vielfalt heißt Gourmet Ghetto) und es gibt auch sehr charmante Wohnviertel mit kleinen Häuschen, die oft liebevoll gestaltet sind und von denen jedes anders aussieht.

Einen ganz tollen Lebensmittelladen mit angeschlossener Pizzeria habe ich entdeckt: Cheese Board bzw. Cheese Board Pizzeria. Im Geschäft werden über 400 Sorten Käse angeboten, was man selbst bei uns schwerlich finden dürfte. Daneben gibt es selbstgebackenes Brot, das wunderbar schmeckt und duftet und sogar knackig ist (meist werden einem ja hier irgendwelche Gummiteile als Brot verkauft). Der Brot- und der Pizzateig werden vor den Augen des Publikums zubereitet und das sieht sehr gut aus … so richtig mit Teigkneten, Gärkörbchen und was sonst so zu einem handwerksmäßig hergestellten Brot gehört. Unterschiedliche Kaffeesorten aus fairem Handel und natürlich Bio kann man ebenfalls vor Ort genießen.

Das Geschäft gehört seit vielen Jahren den Angestellten (Kollektiv, Kooperative) und die machen einen verdammt zufriedenen Eindruck und sind mit Spaß bei der Sache dabei. Ich durfte drinnen auch Aufnahmen machen:


Die Pizzas gehen weg wie warme Semmel … und das duftet dort, mhhhhhh. Die Pizzeria macht jeden Tag eine unterschiedlich belegte Pizza des Tages und die – und keine andere – kann man dann als ganze, halbe oder in Stücken kaufen und vor Ort, bei schönem Wetter auch an Tischen auf dem Bürgersteig verspeisen. Als ich da war, gab es als Beigabe auch noch feinen Live-Jazz (die Bands wechseln täglich).

Und dann war da noch der Edelpenner, der ’ne alte Smokingjacke und ’nen Hut mit Blumenkranz anhatte. Als der in die Pizzeria ging, hatte er ein Apple-Ladegerät in der Hand. Er kam aber unverrichteter Dinge wieder raus. Ob der da ’nen Akku laden oder ’ne Pizza schnorren wollte, ich weiß es nicht.


Heute morgen habe ich ausgeschlafen und wollte gegen 11 ein kräftiges Frühstück genießen. Das stellte sich aber als nicht so einfach heraus. Die Restaurants mit den besten Bewertungen hatten entweder um 11 kein Frühstück mehr oder sie hatten keinen eigenen Parkplatz, so dass man als Autofahrer bei der Parkplatznot keine Chance hatte, bequem ranzukommen. 

Ich glaube, das ist aus ideologischen Gründen auch teilweise so gewollt. Man sieht das an den Bedingungen für Autofahrer (Tempolimits von 25 oder 30 mph, sehr viele Ampeln, die alle paar Sekunden auf rot springen, wenig Parkplätze und die haben auch fast alle eine Parkuhr). Fußgänger und Radfahrer finden dagegen in Berkeley sehr gute Bedingungen vor. Zebrastreifen und Radwege gibt es in Unmengen, Verkehrsregeln scheinen für Radfahrer überhaupt nicht zu gelten und wenn ein Fußgänger an bestimmten Überwegen ein Knöpfchen drückt, geht ein Lichtgewitter los, dass man meinen könnte, irgendwo wurde Alarmstufe 1 ausgerufen. Die Autofahrer bleiben dann schon 10 Meter vor dem Überweg stehen.

Und wenn ich in die Speisekarten dieser In-Restaurants schaue, die die NEUE amerikanische Küche anpreisen (alles Bio, Öko, low fat, low carb, vegetarisch und vegan ist natürlich auch im Angebot), bekomme ich irgendwie ein ungutes Gefühl. Mich erinnert das an die verbissenen Öko-Aktivisten und Grünen der Anfangszeit, die alles verteufelten, was nicht 100 %-ig in ihr Weltbild passte.

Und so bin ich schließlich heute aus Berkeley (hier gibt es nämlich so gut wie kein Kettenrestaurant) rausgefahren und habe bei einem Denny’s (mit reinstem Gewissen *grins*!) ein stinknormales Omelett gegessen.

Dabei habe ich auch die weniger schönen Seiten Berkeleys gesehen (Mülltüten durchsuchende Obdachlose und heruntergekommene Viertel). Vielleicht deshalb der Titel „San Francisco lockt“? Bald mehr …

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