Sail Bremerhaven 2015

Törn ab Bremerhaven mit der Christian Radich

Christian Radich, Oslo

Vom 12. bis 16. August fand in Bremerhaven das nur alle fünf Jahre auf dem Kalender stehende Spektakel „Sail Bremerhaven“ statt.

Am letzten Tag der Sail machte ich mich nach Bremerhaven auf, um meiner Segelleidenschaft Futter zu geben. Ich war nämlich im Besitz einer Passage Bremen – Amsterdam. Als Trainee (das könnte man als mithelfender Passagier umschreiben) sollte ich drei Tage auf einem historischen Großsegler, der norwegischen Christian Radich, mitfahren.

Da Bremerhaven natürlich noch mehr zu bieten hat, hatte ich als begleitenden Programmpunkt einen schon lange auf meiner Bucket List stehenden Besuch des 2005 eröffneten Deutschen Auswandererhauses gewählt.

Deutsches Auswandererhaus

Der Standort dieses Museums am Neuen Hafen hat einen starken historischen Bezug. Zwischen 1852 und 1890 wagten von hier aus knapp 1,2 Millionen Menschen den Sprung in die Neue Welt. Zusammen mit den anderen Häfen Bremerhavens wurden insgesamt 7,2 Millionen Auswanderer in die Neue Welt verzeichnet.

34 reale Familiengeschichten machen auf bewegende Art und Weise anschaulich, was Ein- und Auswanderer erlebten und was ihre Motive waren. Und so fällt es dem Besucher leicht, in viele hundert Jahre Historie einzutauchen, aber auch einen Bezug zur heutigen Migrationsproblematik herzustellen.

Sehr spannend auch die Möglichkeit der „Familienrecherche“. Wer selbst Auswanderer unter seinen Vorfahren hat, kann sich hier auf die persönliche Spurensuche begeben.

Mehr Infos auf der Webseite des Deutschen Auswandererhauses.

Nach dem Besuch des Deutschen Auswandererhauses ließ ich es mir nicht nehmen, in einem typischen Fischrestaurant frischen Fisch zu genießen. Aber dann ging es mit dem kostenlosen Shuttlebus endlich zum Gelände der Sail.

Kostenloser Shuttlebus erspart die Parkplatzsuche, Sail Bremerhaven

Kostenloser Shuttlebus erspart die Parkplatzsuche

Sail Bremerhaven

Zuerst lief ich einmal die Reihe der am Kai liegenden Großsegler ab. Wow, echt beeindruckend, welche Riesenpötte dort festgemacht hatten. Und plötzlich stand ich vor ihr. „Christian Radich, Oslo“ stand unübersehbar am Heck. Das sollte also für die nächsten drei Tage „mein“ Schiff sein.

Nach einem ersten Rundgang als Besucher und dem Erwerb einer „Uniform“ in Form eines Hoodies in den Mannschaftsfarben mit Logo der Christian Radich checkte ich um 15:00 Uhr als Trainee ein.

Das Schiff

Von der Quartiermeisterin bekam ich eine Koje zugewiesen und gezeigt, wo ich mein Gepäck verstauen kann. 16:30 Uhr gab’s schon Abendessen. Danach stand für die neuen Trainees ein einstündiger Rundgang durchs Schiff und die üblichen Sicherheitsübungen auf dem Programm.

Eigentlich sollten wir ja gegen 17:00 Uhr auslaufen. Das verschob sich allerdings immer weiter nach hinten. Um 20:30 Uhr lagen wir immer noch am Kai. Und die ganzen Brücken und die Schleuse waren ja auch noch zu passieren. Die erste Wache von 20:00 – 00:00 hat gleich eine Freischicht bekommen, weil sie dabei nicht benötigt wurde.

Wache gehen

Von 00:00 – 04:00 war ich zur Wache eingeteilt, wie ich einem Aushang entnahm. Also habe ich versucht, inmitten der ganzen Hängematten und Geräusche drei Stündchen im voraus zu schlafen. Allerdings nicht mit sehr großem Erfolg.

Mittlerweile war es schon stockfinster und die Christian Radich schipperte mit Motorkraft an den Hafenanlagen entlang. Wie ein Blick auf meine Navi-App zeigte, mit einer Geschwindigkeit von knapp 6 Knoten/11 km/h.

Um 00:00 Uhr bin ich wieder aus meiner Koje raus und hoch an Deck gegangen, um meine Wache anzutreten. Ich kam mir ein wenig verloren vor, weil ich niemand sah, der mir sagte, was denn zu tun ist. Also bin ich einfach mal nach vorne zum Bug gegangen und habe dort Ausschau gehalten. Nach einer Weile habe ich mir ’nen Kaffee geholt und bin mal hierhin, mal dorthin gelaufen.

Gegen 03:30 Uhr wurde mir das zu öde und ich habe mich wieder in meine Koje gelegt. Das hab‘ ich aber nicht gekannt. Fünf Minuten später stand der Wachhabende an meiner Koje und hat mich wieder an Bord gescheucht, da die Wache, zu der ich eingeteilt war, ja erst um 04:00 Uhr zu Ende ging.

Okay, hab’ ich noch 20 Minuten untätig an Bord herumgesessen. Danach noch mal für zwei Stündchen in die Koje. Das Rein und Raus aus der Koje ist immer mit Verrenkungen verbunden, da ein Teil der Mannschaft bzw. der Trainees in Kojen und der andere Teil in Hängematten schläft.

Bei den Kojen ist eine unten angeordnet und eine versetzt darüber. Die untere wird während der Mahlzeiten als Sitzplatz genutzt. Die obere Koje bietet den Vorteil, dass man von dort durch die Bullaugen auf die See schauen kann und man sein Schlafzeug während der Mahlzeiten nicht wegräumen muss. Allerdings ist die etwas schwerer zu erreichen, weil man hoch- bzw. runterklettern muss und dabei über den in der unteren Koje Schlafenden steigen muss.

Die Leutchen, die in den Hängematten schlafen, müssen die übrigens abhängen, wenn gegessen wird. Ich habe nicht ausprobiert, ob man leicht oder schwer in die Hängematte hineinkommt. Aber sehr bequem sah das nicht aus, wie die Leutchen darin lagen (erinnerte an eine halb geschälte Banane). Zudem hängt man dicht an dicht unter der Decke; Schlafgeräusche und Gerüche seines Nebenmannes bekommt man so hautnah mit.

Für die Trainees gibt es unter Deck zwei Schlafräume. Einer davon wird zugleich als Essraum genutzt und die Küche liegt unmittelbar neben diesem Raum. Das bringt natürlich viel Unruhe mit sich und ist für Leute, die tagsüber schlafen möchten, weil sie z.B. gerade Nachtwache hatten, schon störend. Mein bevorzugter Platz wäre eine der oberen Kojen im Nicht-Essraum.

Seasickness

Seekrankheit ist auf hoher See immer ein Thema. Eine Weile ging alles gut bei mir, aber am zweiten Tag änderte sich das leider. Andere Teilnehmer hatte es schon früher erwischt; ist halt individuell unterschiedlich.

Seekrankheit ist fürchterlich

Seekrankheit ist fürchterlich

 

Das Segeln

„Welches Segeln?“ frage ich jetzt mal ketzerisch. Segeln fand nämlich leider quasi nicht statt. Zu Beginn wurde nur einmal von ein paar Trainees vorübergehend eines der Rahsegel gesetzt. Demzufolge wurden natürlich auch keine Segelmanöver gefahren.

Die ganze Fahrt wurde mit Motorkraft gemacht, wenn man mal von zwei kleinen Focksegeln absieht. So hatten ich und viele andere Teilnehmer sich das nicht vorgestellt!

Zwar stand in den Teilnahmebedingungen: „Die Schiffsführung behält sich das Recht vor, bei schlechten Wind- oder Wetterverhältnissen mit Motorkraft zu fahren.“, aber weder die Wind- noch die Wetterverhältnisse waren in meinen Augen schlecht.

Außerdem war der Törn als „Bremerhaven – Amsterdam“ ausgeschrieben und evtl. sollte man sogar in den Genuss des „Sail In“, der Einlaufparade, in Amsterdam kommen.

Tatsächlich war der Verlauf aber ein ganz anderer. Die Christian Radich legte nicht in Amsterdam an, sondern im über 30 km entfernten IJmuiden, einem Ortsteil von Velsen. Somit hatten wir das zweifelhafte Vergnügen, statt eines schönen Abends in Amsterdam einen gar nicht schönen in IJmuiden verbringen zu können müssen.

Auch aus der Teilnahme an der Einlaufparade wurde nichts; am nächsten Morgen um 07:00 Uhr bestiegen wir den Bus und der setzte uns in Amsterdam ab.

Bedenkt man, dass dieser Segeltörn mit drei Übernachtungen immerhin mit 419 € zu Buche schlägt, darf man sich über Missstimmung unter den Teilnehmern nicht wundern.

Das werde ich garantiert nicht wiederholen! Aber bei der nächsten Sail Bremerhaven bin ich sicher wieder dabei. Schon mal das Datum notieren: 12. – 16.08.2020.

Infobox

Seestadt Bremerhaven
Hinrich-Schmalfeldt-Straße, 27576 Bremerhaven
Tel.: +49 (0)471 590-0

Sail Bremerhaven

Deutsches Auswandererhaus
Columbusstraße 65, 27568 Bremerhaven
Tel: +49 (0)471 902 200

Offenlegung

Zu dem Besuch des Deutschen Auswandererhauses und dem Törn mit der Christian Radich wurde ich von der  Erlebnis Bremerhaven GmbH eingeladen. Vielen Dank dafür. Meine hier niedergeschriebene Meinung wurde dadurch aber nicht beeinflusst.

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3 Kommentare

  1. Hallo Wolfgang,
    ich war auf deinen Bericht gespannt, da mich so ein Segeltörn auch reizt. Klingt dann aber sehr ernüchternd, wenn nur unter Motor gefahren wird (Wahrscheinlich weil es einfach bequemer ist und man sich Nachts nicht um die Segel kümmern muss).
    Aber da geht natürlich viel vom Reiz verloren. Und erst recht, wenn man dann nicht einmal bis Amsterdam mitsegeln kann.
    Ich schreibe bald auch noch über unsere Tage auf der Sail.
    Lg
    Thomas

    • Hallo Thomas,

      das war in der Tat eine große Enttäuschung. Ich hege mittlerweile auch Zweifel, ob sich ein solcher Törn mit festem Zeitrahmen überhaupt unter Segeln durchführen lässt.

      Aber wenigstens die Sail Bremerhaven war den Besuch wert. Bin gespannt, wie es euch gefallen hat.

      Beste Grüße, Wolfgang

  2. Pingback: Sail Bremerhaven 2015 - Ein Windjammer-Erlebnis

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