Delmenhorst, ein touristischer Flop?

Eingang zur Tourist-Info im Rathaus Delmenhorst

Deutschland erlebt als Reiseland – gefühlt und mit harten Zahlen belegt – derzeit einen wahren Boom. Terrorismus und politische Verhältnisse in anderen Hauptreiseländern haben dazu beigetragen, aber auch der Ausbau der touristischen Infrastruktur in Deutschland und gekonntes Marketing.

Städtereisen – ganz weit vorn

Von der Veränderung der Reisegewohnheiten profitiert auch der Bereich der Städtereisen in Deutschland. Schnell mal ein Städtetrip übers verlängerte Wochenende oder ein Stop auf der Rundreise; heute nichts Besonderes mehr. Vor diesem Hintergrund sind die alle Jahre wieder veröffentlichten Statistiken der Gästezahlen besonders interessant. Welche Städte erweisen sich als touristische Magneten, welche Städte sind für Touristen eher unattraktiv?

Die Kollegin Tanja Klindworth hat sich in ihrem Blog Spaness  auch Gedanken zu diesem Thema gemacht und zwar auf Grundlage einer von billiger.de erstellten Analyse der Zahlen von 130 deutschen Städten. Neben den Tops mit Berlin an der Spitze  gibt es eine Liste der Flops.

Delmenhorst – ganz weit hinten

Auf dieser Liste taucht auf Platz 129, dem vorletzten Platz aller untersuchten Städte, Delmenhorst auf, eine Stadt mit fast 80.000 Einwohnern. Die Lage der Stadt ist recht gut, vor den Toren Bremens gelegen und die Stadt Oldenburg und die Küste sind auch nicht weit. Insoweit doch eigentlich attraktiv für Touristen.

Ich wohne jetzt schon sechs Jahre ganz in der Nähe (ca. 30 km), war aber noch nie dort. Grund genug, mir mal die Stadt anzuschauen und nach Gründen für die schlechten Gästezahlen zu suchen. Vor meinem Besuch habe ich zunächst einmal recherchiert, was die Stadt dem Touristen denn zu bieten hat. Wie üblich habe ich dazu die offizielle Webseite der Stadt besucht, delmenhorst.de.

Die Suche nach Gründen

Auf dieser Webseite nach touristischen Informationen zu suchen, erwies sich allerdings als kompliziert und das Ergebnis war nicht geeignet, Lust auf einen Besuch der Stadt zu wecken.

Oder würdest du in eine Stadt reisen wollen, die mit folgenden, zudem meist auf die Sommermonate beschränkten, touristischen Aktivitäten wirbt:

  • Bootsverleih (Tretbootfahren im Stadtpark)
  • Boule-Platz
  • Minigolf
  • Segelflugplatz
  • Wasserturm (sehr eingeschränkte Öffnungszeiten: jeden 1. und 3. Sonntag im Monat von 15.00 – 17.00 Uhr sowie nach Vereinbarung)

Dafür soll ich nach Delmenhorst kommen? Das kann doch unmöglich alles sein. Okay, frage ich doch einfach mal bei der Tourist-Info nach, dachte ich mir. Obwohl mein Anruf nachmittags an einem Werktag erfolgte, wurde ich gleich von einem Anrufbeantworter abgewimmelt, der mich über die kärglichen Öffnungszeiten informierte: Montag, Dienstag, Donnerstag: 12 bis 16 Uhr, Mittwoch, Freitag: 9 bis 12 Uhr.

Wöchentlich drei Tage á vier Stunden und zwei Tage á 3 Stunden ? Da muss man aber schon den Zufall auf seiner Seite haben, um jemand bei der Tourist-Info zu erreichen. Anders als der potentielle Tourist, der sich daraufhin vielleicht lieber nach einem anderen Ziel umsieht, habe ich mich davon nicht abschrecken lassen und bin am nächsten Tag auf gut Glück nach Delmenhorst gefahren.

Ist doch schön in Delmenhorst

Bei meinem Besuch habe ich von der Stadt Delmenhorst als mögliches Ziel eines Städtetrips ein durchaus positives Bild gewonnen. Delmenhorst präsentierte sich als sympathische Mittelstadt mit einem guten touristischen Angebot. Hier kann man mit Sicherheit einen abwechslungsreichen Aufenthalt verbringen, zumal in der Region (z.B. Bremen, Oldenburg) weitere lohnende Aktivitäten locken.

Begleitet von schönstem Sommerwetter habe ich ein paar Impressionen gesammelt. Schon das Entrée der Stadt, der weiträumige Rathausplatz mit Rathaus und Markthalle weiß mit lauschigen Plätzchen zum Chillen und vielfältigem gastronomischem Angebot zu gefallen.

Auch die sich unmittelbar anschließende Fußgängerzone kann sich sehen lassen und lädt zum Schlendern und Shoppen ein.

Ein weiteres Schmuckstück ist die Graft, ich nenne es mal den Stadtpark von Delmenhorst. Gleich gegenüber dem Rathaus und dem alten Wasserturm gelegen, kann der Besucher in der grünen Lunge der Stadt zahlreichen Aktivitäten nachgehen.

Ein weiteres Highlight darf nicht unerwähnt bleiben: Das Nordwolle-Gelände. Das Gelände der 1884 gegründeten Norddeutschen Wollkämmerei & Kammgarnspinnerei gilt als eines der größten Industriedenkmale Europas und beherbergt heute u.a. das Stadtmuseum und das Fabrikmuseum. Beide Museen haben mich mit ihren Ausstellungen beeindruckt.

Aber woran liegt es dann?

Aber warum rankt Delmenhorst dann in der Statistik so schlecht? Für mich sind die schlechten Gästezahlen eindeutig auf Marketingfehler zurückzuführen.

Zwei Hauptgründe springen hier sofort ins Auge. Einmal das zeitlich enorm stark verknappte Informationsangebot der Tourist-Info. Zum zweiten ein Internet-Auftritt der Stadt, der in meinen Augen das beste Beispiel für „Wie man’s nicht machen sollte“ ist.

Wie kann eine Tourist-Info, die an fünf Tagen nicht einmal den halben Tag geöffnet ist, um Reisenden mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, diese Aufgabe auch nur halbwegs gut erfüllen?
Ich hatte zufällig das Glück, auf eine Mitarbeiterin der Tourist-Info zu stoßen, als ich ratlos vor deren verschlossener Tür stand. Und so erhielt ich auch außerhalb der Öffnungszeit Zugang zu Informationen und Gelegenheit, die sehr knappen Öffnungszeiten anzusprechen.

In diesem Gespräch erfuhr ich, dass die Mitarbeiterinnen durchaus den ganzen Tag anwesend, aber eben nicht für Touristen zu sprechen sind. Hat mich ehrlich gesagt sprachlos gemacht, denn Ansprechpartner für mögliche Gäste zu sein, sollte doch die primäre Aufgabe von Mitarbeitern der Tourist-Info sein. Mögliche Büro- oder sonstige Nebenarbeiten sollten dahinter immer zurückstehen.

Die eingeschränkten Öffnungszeiten wurden auch von Touristen moniert, die ich zu Delmenhorst befragte. Hintergrund war, dass diese vom sehr lobenswerten Angebot eines Stellplatzes für Wohnmobile Gebrauch machen wollten, für den man allerdings in der Tourist-Info ein Parkticket abholen muss. Ist natürlich nicht so einfach bei solchen Öffnungszeiten.

Der Internet-Auftritt der Stadt in Sachen Tourismus ist mehr als diskussionswürdig. Ich kann mich nicht erinnern, jemals bei einer Destination eine so verwirrende Präsentation des Bereichs Touristik gesehen zu haben.

Nach zeitaufwändiger Recherche bin ich schlussendlich auf drei verschiedene Webseiten gestoßen, auf denen in sehr unterschiedlicher Weise das touristische Angebot Delmenhorsts präsentiert wird:

Stadt Delmenhorst

Stadtmarketing Delmenhorst

Delmenhorster Wirtschaftsförderungsgesellschaft mbH

Zu allem Überfluss scheinen aktuelle Informationen bevorzugt über einen Facebook-Account bereit gestellt zu werden und damit nur einen beschränkten Empfängerkreis zu erreichen.

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier die Linke nicht weiß, was die Rechte macht und sich jede Institution profilieren will. Was hier fehlt, ist eine ordnende Hand, jemand, der ein Tourismuskonzept für die Stadt entwickelt und realisiert.

Im übrigen scheinen die Tourismusverantwortlichen in Delmenhorst wenig an der Thematik der schlechten Gästezahlen interessiert zu sein. Am 18.08.2016 habe ich folgende Fragen an die Pressestelle der Delmenhorster Wirtschaftsförderungsgesellschaft mbH gestellt:

„Konkret sind mir bei meinen Recherchen folgende Sachverhalte aufgefallen, die Ursache der schwachen Zahlen sein könnten:

  • Warum bietet eine Stadt mit fast 80.000 Einwohnern nur so zeitlich eingeschränkte Kontaktmöglichkeiten zu einer Tourist-Info? Mögliche (durchreisende) Gäste können so nur zufällig einen Ansprechpartner erreichen.
  • Das touristische Informationsangebot auf der Seite delmenhorst.de ist sehr mager und unübersichtlich. Ich habe lange suchen müssen, um überhaupt einen Kontakt zur Tourist-Info zu finden.
  • Aktuelle Informationen scheinen nur über Facebook angeboten zu werden.
  • Sind solche schwachen statistischen Zahlen aus Sicht der Stadt erklärbar und gibt es konzeptionelle Überlegungen, die zu einer Verbesserung führen könnten?

Ihre Stellungnahme werde ich gerne veröffentlichen.“

Bis heute, 11 Tage später, habe ich weder eine Eingangsbestätigung noch eine Zwischennachricht, geschweige denn eine Antwort erhalten. Nun ja, keine Antwort ist auch eine Antwort.

Schade, Delmenhorst hätte was Besseres verdient, vor allem bessere Gästezahlen.

Update

Am 10.09.2016 habe ich folgende Nachricht der Stadt Delmenhorst erhalten, die ich mit deren Zustimmung hier veröffentliche:

Sehr geehrter Herr Niederau,

nachdem wir vor einiger Zeit kurz telefoniert hatten und ich Sie an die Delmenhorster Wirtschaftsförderungsgesellschaft verwiesen habe, bin ich bei Twitter zufällig auf das Ergebnis Ihrer Recherchen, Ihren Beitrag „Delmenhorst, ein touristischer Flop?“, gestoßen.

Es freut mich sehr, dass Sie nach Delmenhorst gekommen sind und so viele positive Aspekte der Stadt aufgezeigt haben.

In Ihrem Blog machen Sie jedoch auch auf strukturelle und organisatorische Schwächen aufmerksam.

In der Stadt Delmenhorst sind die Bereiche Tourismus und Marketing inzwischen in eine eigenständige GmbH ausgelagert worden, die Delmenhorster Wirtschaftsförderungsgesellschaft (dwfg), mit Herrn Langnau als Geschäftsführer. Zur dwfg gehört unter anderem die Tourist-Information im Rathaus.

Da sich die dwfg und auch bereits ihr rechtlicher Vorgänger, die Stadtmarketing Delmenhorst GmbH, eine eigene Internetseite geschaffen haben, kann von der städtischen Internetseite delmenhorst.de lediglich auf diese Homepage verlinkt werden. Dort wird der Großteil der Informationen zum Thema Tourismus veröffentlicht.

Mir ist völlig klar, dass Nicht-Delmenhorstern und auswärtigen Besuchern der Stadt diese Strukturen natürlich unbekannt sind.

Ihren Beitrag habe ich zum Anlass genommen, die Zusammenstellung auf der Seite „Aktivitäten“ (https://www.delmenhorst.de/tourismus-freizeit/content/aktivitaeten.php) auszubauen, um auch Besuchern, die zunächst auf der städtischen Internetseite nach Tourist-Informationen suchen, besser weiterzuhelfen als bisher.

Ich danke Ihnen sehr für Ihre Hinweise und hoffe, dass Sie Delmenhorst gerne erneut besuchen werden.

Freundliche Grüße
Im Auftrag

Sarah Baumfalk

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Stadt Delmenhorst
Der Oberbürgermeister

Vorstandsbüro
– Medien und Kommunikation –
Rathausplatz 1
27749 Delmenhorst

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