Osterräderlauf in Lügde

Osterräderlauf Lügde

Osterräderlauf und Lügde, zwei Begriffe, mit denen ich zunächst nichts anzufangen wusste, als mir die Pressemeldung ins Postfach flatterte.

Aber Tante Google machte mich schlau. Lügde (Lüchde gesprochen) ist eine kleine Stadt mit ca. 10.000 Einwohnern im Naturpark Teutoburger Wald / Eggegebirge. Sie liegt in Nordrhein-Westfalen unmittelbar an der Grenze zu Niedersachsen gleich benachbart zu Bad Pyrmont. Seit dem 24. Juli 2012 trägt Lügde offiziell den Titel „Stadt der Osterräder“.

Doch was ist ein Osterrad? Ich versuche mal, es kurz und knackig zu erklären: Ein Osterrad ist ein ungeheuer schweres Rad aus Holz, dessen Zwischenräume zwischen den Speichen mit Stroh gefüllt werden, das angezündet wird, bevor das Rad brennend den Berg hinuntergestoßen wird.

Das hört sich unspektakulär an, tatsächlich steckt dahinter aber ein uralter Brauch, der über viele Jahrhunderte gepflegt wurde und wird. Schätzungen gehen davon aus, dass der Ursprung dieses Brauchs schon 2.000 Jahre zurück liegt.

Verantwortlich für die Brauchtumspflege zeichnet der Dechenverein in Lügde mit über 600 Mitgliedern. Die Dechen wachen über die Einhaltung der Riten und Gebräuche, sind also Brauchtumswächter.

Der jährliche Lauf der Osterräder findet stets nach den gleichen Regeln statt. Die sechs aus Eichenholz gefertigten Osterräder werden am Montag vor dem Tag des Osterräderlaufs (immer am Ostersonntag) aus der Scheune geholt und im Fluss Emmer gewässert. Am Samstag werden die Räder aus der Emmer geholt und auf mit Girlanden geschmückten Wagen zum Marktplatz gefahren.

Rund um den Osterräderlauf gibt es ein buntes Rahmenprogramm, so dass den ganzen Tag keine Langeweile aufkommt. An der Emmer ist z.B. ein großer Jahrmarkt aufgebaut. Fahrgeschäfte, jede Menge Buden, die Leckereien aus vieler Herren Länder anbieten und im großen Festzelt kann bis in die Nacht Party gemacht werden.

Ein neues Osterrad wiegt ca. 280 kg, ist seit Generationen 1,70 Meter hoch und besteht aus 4 Lagen Holz mit einer Breite von ca. 30 cm. Eine Lage besteht aus 5 Segmenten. Die 4 Lagen werden mittels Schraubbolzen verbunden. Die beiden Kreuzspeichen haben in der Mitte jeweils ein Loch für die Aufnahme der Balancierstange.

Ostersonntag folgt einem Konzert der Lügder Blaskapelle ein Umzug mit Räder- und Strohwagen durch die historische Altstadt und der Transport der Osterräder auf den Osterberg. Oben angekommen werden die Dechen mit drei Böllerschüssen angekündigt. Anschließend werden die Räder und auch das Stroh abgeladen und zunächst in die Räder die sogenannte „Kranzweide“ eingebaut. Später wird dann das Stroh mit den kleineren Haselnussruten hier eingebunden. Damit sind die Räder startfertig.

Die Kanone, mit der die Böllerschüsse abgegeben werden, spielt eine gewichtige Rolle beim Osterräderlauf. Nicht nur die Ankunft der Dechen, auch andere Ereignisse wie das Startklarmachen eines jeden Rades und natürlich der Start selbst werden reichlich mit Böllerschüssen akustisch untermalt. Und das ist schon eine sehr eindrucksvolle Untermalung, die auch optisch mit mächtigen Pulverdampfschwaden begleitet wird. Nichts für schreckhafte Leute.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit wird das große Osterfeuer angezündet. Und das ist wirklich groß! Mächtige Qualmentwicklung und Funkenflug lassen es – besonders bei windigem Wetter – geraten erscheinen, schnell ausreichend Abstand zum Feuer zu gewinnen.

Sobald es dunkel geworden ist, beginnt das eigentliche Spektakel, der Osterräderlauf. Das erste Rad wird angezündet, sofort ergreifen die Flammen das trockene Stroh und das Rad wird lichterloh brennend mit einer Abstoßstange den Berg hinuntergestoßen.

Verfolgt von den Blicken tausender Zuschauer am Berg und unten im Tal bahnt sich das Rad seinen Weg ins Tal, überspringt Wege und Gräben und kommt, wenn alles gut gelaufen ist, unter dem Jubel der Zuschauer unten im Auffanggraben an, wo es sofort gelöscht wird.

Wenn alle sechs Räder gut angekommen sind, soll es nach dem Volksglauben ein gutes Erntejahr werden. Das ist dieses Jahr nicht gelungen. Eines der Räder kam vom Weg ab und schlug sich seitlich in die Büsche. Das rief sogleich etliche Helfer auf den Plan, die sich bemühten, das wertvolle Rad möglichst schnell zu löschen. Die Spannung hat dieser kleine Zwischenfall aber noch gesteigert.

Das Flammenspektakel am Osterberg wird mit einem nächtlichen Feuerwerk eindrucksvoll abgeschlossen.

Wer anschließend noch unternehmungslustig ist, kann den Tag mit einem Rundgang durch die stimmungsvoll beleuchtete Altstadt beenden oder im Festzelt noch feiern bis zum Abwinken.

Farbig beleuchtete Häuser in der Innenstadt Lügdes beim Osterräderlauf 2016

Farbig beleuchtete Häuser in der Innenstadt

Insgesamt ein lohnendes Event, das man sich zu Ostern 2017 schon mal in den Kalender schreiben sollte.

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2 Kommentare

  1. Hallo Wolfgang, Lüchde kenne von Kind an – meine Oma stammt von der Mühle Blankenburg – von Nieheim mit Bus oder Pferdewagen zum Bahnhof Steinhein über Wöbbel, Schieder und dann Lüchde – immer wieder auch heute ist die Stadt sehens und erlebenswert ! ! ein sehr schöner Reisebericht !

    • Vielen Dank, Ulrich. Freut mich, dass mein Bericht schöne Erinnerungen wachrufen konnte.

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